Mein optimistisches „Die Toten Hosen“-ABC
Ich komme nur bis H wie Hoffnung des Ted-Lasso-Alphabets. Dann lege ich Dirk von Gehlens lesenswerten Newsletter Digitale Notizen vorübergehend zur Seite und gehe auf die Website der Toten Hosen. Ich weiß, dass ich dort die Texte zu ihren Songs aus fast 45 Jahren Bandgeschichte finde.
26 Songs und die passenden Zeilen finde ich schnell. Aufzuschreiben, was sie mir bedeuten, dauert etwas länger. Genau wie Dirk, glaube ich, dass mein ABC Textzeilen mit „inspirierenden Lebensweisheiten und der Bereitschaft zum Guten“ enthält, in denen mehr steckt als Musik und Popkultur. Hey, ho, let's go!
Das Wort zum Sonntag, Damenwahl 1986
Das „Wort zum Sonntag“ beschreibt das rebellierende Gefühl, wenn Erwachsene sagen: „Früher war alles besser.“ Ich wollte mit 17 nicht glauben, dass das stimmt. Wir stellten in Frage, dass alles so bleiben müsse, wie es früher war.
Früher hör auf mit früher
Ich will es nicht mehr hör'n
Damals war es auch nicht anders
Mich kann das alles nicht stör'n
Ich bin noch keine sechzig
Und ich bin auch nicht nah dran
Und erst dann möchte ich erzählen
Was früher einmal war
Wir werden immer laut durchs Leben zieh'n
Jeden Tag in jedem Jahr
Und wenn wir wirklich einmal anders sind
Ist das heute noch scheißegal
Aus Sicht einer Jugendlichen ist das Alter von Erwachsenen schwer einzuschätzen. Sechzig bedeutete für mich einfach alt im Sinne von erwachsen und es war unvorstellbar weit weg.
Mir gefällt, dass die beiden letzten Songzeilen schon eine Hintertür offen halten. Es ist das, was ich an der Band schätze: Sie sind bereit, ihre Meinung zu ändern.
Das Mädchen aus Rottweil, Auswärtsspiel 2002
Kennst du das? Du begegnest einem fremden Menschen, es gibt einen kurzen Wortwechsel oder es treffen sich einfach nur eure Blicke und ihr lächelt euch an.
Nur eine Pause, nur ein Pinkelstopp
dann sollt' es weitergehen.
Ich brauchte noch ein paar Kaugummis
und lief in ein Geschäft.
Und als ich zur Kasse ging
sah ich sie vor mir stehen.
Lächelnd hat sie mich gegrüßt
sie traf mich wie ein Blitz.
Das ist der Flow, den ich bei Konzerten der Toten Hosen immer wieder aufs Neue erleben möchte: lachen, singen, springen mit Fremden und Freunden. Ich kann mir nie sicher sein, dass es passieren wird. Das sind die Spannung und der Reiz vor jedem Konzert. Das Gefühl, mit Menschen auf derselben Welle zu surfen, ist magisch und ich kann es nicht erzwingen.
Verschwende deine Zeit, Damenwahl 1986
Langeweile und nichts los, das ist ein Gefühl, das ich mit den 1980er Jahren verbinde. „Hier ist tote Hose,“ war eine geläufige Redewendung. Gleichzeitig wurde erwartet, dass wir zielstrebig, fleißig und leistungsbereit waren.
Irgendwo geh'n wir schon hin,
überall sind wir im Weg.
Gucken was der Tag uns bringt,
was der Tag uns bringt.
Komm mit uns, verschwende deine Zeit.
Verschwende deine Zeit ist für mich ein Perspektivwechsel. Ich habe den Song nie wörtlich genommen, sondern auf eine grundsätzliche Ebene übertragen: Wenn ich viel Zeit habe, kann sie auch verschwenden. Zeit als Luxus. Erfahrungen als Schatz. Erwartungen hinterfragen und meinen eigenen Weg suchen. Ich „verschwende“ beispielsweise gerade meine Zeit, indem ich im Urlaub diesen Text schreibe 😎
Tage wie diese, Ballast der Republik 2012
Im Juni 2022 ist es uns zum ersten Mal gelungen, Tickets für ein Konzert in Düsseldorf zu bekommen. Auf der Südtribüne, nicht im Innenraum. Wir konnten es verschmerzen. Wir hatten ja noch Tickets für Freiburg und Konstanz.
Ich war zuvor noch nie in Düsseldorf. Deshalb war mein größter Aha-Moment, auf dem Fußmarsch zum Stadion zu bemerken, dass der Weg dorthin in „Tage wie diese“ exakt beschrieben ist.
Durch das Gedränge der Menschenmenge
Bahnen wir uns den altbekannten Weg
Entlang der Gassen, zu den Rheinterrassen
Über die Brücken, bis hin zu der Musik
Wo alles laut ist, wo alle drauf sind, um durchzudrehen
Wo die Anderen warten, um mit uns zu starten und abzugehen
Du lebst nur einmal, Auswärtsspiel 2002
Diese Songzeile ist wahrscheinlich diejenige, die ich am häufigsten zitiere und mir selbst zu Herzen nehme:
Es wird keiner kommen, um dich einmal zu holen, geh alleine los!
Wenn ich gerne etwas tun oder erreichen will, dann macht es mich nur unglücklich, darauf zu warten, dass jemand mitgeht. Ob es ein Konzert der Toten Hosen ist. Ein Kinofilm, den ich gerne sehen möchte. Ein Spaziergang, weil ich an die frische Luft muss. Oder mein berufsbegleitendes Masterstudium, für das ich mich beworben habe, ohne vorher mit meiner Familie oder meinem Arbeitgeber zu sprechen. Wenn du etwas wirklich willst, mach es! Es wird sich gut anfühlen, versprochen 😊
Schwarzwaldklinik, Damenwahl 1986
Nochmal die 1980er. Ich wuchs im Schwarzwald auf und der saure Regen machte die Bäume krank. Es gab kein Internet, kein Social Media, kein Smartphone, also quasi gar nichts 😀
Das ZDF plante eine Serie, die in unserer Gegend gedreht werden sollte. Eine Sensation! Menschen bewarben sich als Statisten, Touristenbusse kamen in Massen zum Titisee und ins Glottertal. Die ganze Familie saß wie gebannt vorm Fernseher, als erste Staffel „Die Schwarzwaldklinik“ ausgestrahlt wurde.
Babys ertrinken in Waschmaschinen
Tote Omas klopfen an ihren Sarg
Schüler, die auf dem Schulweg erfrieren
Ein Gehirnchirurg, der aus dem Jenseits sprach
Erhängt mit einem Fahrradschlauch
Vom Kuchenessen Herzinfarkt
Die BILD fand ziemlich schnell heraus
Das ihr letzter Wille derselbe war
Schwarzwaldklinik
Sie wollten in die Schwarzwaldklinik
Nur in die Schwarzwaldklinik
Wollten sie geh'n
Der Song beschreibt auf gar nicht so überspitzte Weise die damalige Medienrealität der Boulevard-Presse und verbindet sie mit dem Hype um die doch ziemlich kitschige Arztserie, die wir trotzdem alle geschaut haben.
Wünsch dir was, Kauf mich! 1993
Das Gute in Menschen zu sehen, macht das Leben um so vieles leichter.
Ich glaube, dass die Welt sich noch mal ändern wird
und dann Gut über Böse siegt.
Venceremos – Wir werden siegen, Auswärtsspiel 2002
„Venceremos“ beschreibt die politische und wirtschaftliche Situation auf Kuba. Der Spruch auf einer Häuserwand soll Hoffnung geben, dass der Kampf irgendwann vorbei sein wird.
Wir werden siegen
irgendwann einmal.
Venceremos, es wird ein langer Kampf
Hoffnung ist kein Zustand, Hoffnung entsteht, wenn wir aktiv werden. Nach Vaclav Habel ist es nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.
1.000 gute Gründe, Ein kleines bisschen Horrorshow 1988
Wir befinden uns 18 Jahre vor dem Fußball-WM „Sommermärchen“, bei dem viele Menschen erstmals unbeschwert die Deutschlandflagge schwenkten.
Wir lieben unser Land!
Unser Fernsehprogramm, unsere Autobahn.
Wir lieben unser Land!
Es gibt 1000 gute Gründe,
auf dieses Land stolz zu sein.
Warum fällt uns jetzt auf einmal
kein einziger mehr ein?
Mir gefällt, wie Campino mit Ironie das Gefühl beschreibt, das junge Menschen 1988 zur Bundesrepublik Deutschland hatten.
Ich hatte mich im Herbst 1987 entschieden, statt nach London in die DDR auf Klassenfahrt zu gehen. Den Mauerfall nur ein gutes Jahr später konnte sich zu diesem Zeitpunkt niemand von uns vorstellen.
All die ganzen Jahre, Bis zum bitteren Ende 1987
„All die ganzen Jahre“ erzählt von Vergänglichkeit, von Freundschaft, von Menschen die wir aus den Augen verlieren.
Du hast mich noch nicht erkannt,
obwohl ich vor Dir steh.
Ich möchte mit Dir reden,
doch irgendwie kann ich’s nicht.
Ich hab Dich lang nicht mehr gesehn,
guck jetzt in Dein Gesicht.
Ich suche einen alten Freund,
doch ich entdecke nichts.
...
Ob es Dir wohl auch so geht,
dass Du mich nicht mehr verstehst?
Im Song gehen die beiden Protagonisten in der letzten Strophe aneinander vorbei, ohne sich anzusprechen. Mir gefällt, wie Campino in den letzten Zeilen, die Möglichkeit einräumt, dass es dem anderen mit ihm genauso gehen könnte. So endet der Text mit einer Frage statt eines Vorwurfs.
Ich möchte hinzufügen, dass die flüchtige Begegnung mit einem Menschen, den ich lange nicht gesehen habe, auch der Keim sein kann, aus dem eine Beziehung oder Freundschaft neu entsteht oder wieder aufgenommen wird. Es ist nie zu spät dafür.
Steh auf, wenn du am Boden bist, Auswärtsspiel 2002
Ich habe es nicht überprüft, aber ich würde behaupten, „Steh auf, wenn du am Boden bist“, wird bei jedem Konzert der Toten Hosen gespielt.
Die Fans, die die Band schon lange begleiten – und teils noch mehr Tickets pro Tour gekauft haben als ich – wissen dann Bescheid, was zu tun ist.
Die Fahnenträger mischen sich unter die vorderen Reihen vor der Bühne. Alle anderen gehen auf die Knie, bis beim Refrain alle gleichzeitig aufspringen oder sich aufhelfen.
Und wenn ein Sturm dich in die Knie zwingt
halt dein Gesicht einfach gegen den Wind.
Egal, wie dunkel die Wolken über dir sind
sie werden irgendwann vorüberziehn.
Steh auf, wenn du am Boden bist!
Steh auf, auch wenn du unten liegst!
Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn.
Der Song hat auch eine sehr konkrete Ebene: Im Pogokreis, oder heute Moshpit, kommt es immer wieder vor, dass jemand stolpert und zu Boden geht. Blitzschnell stellen sich Menschen schützend darum, während andere dir aufhelfen.
Hier sind die Hosen, Trink aus! Wir müssen gehen 2026
Es ist Mitternacht und ich sitze am Busbahnhof Lampugnano in Mailand. Vor einer Stunde ist das Konzert der Toten Hosen im Club Alcatraz zu Ende gegangen. Noch eine weitere Stunde, bis der Bus mich zurück nach Hause bringt. Mein Smartphone leuchtet auf: Das neue Album der Hosen ist erschienen.
Im Bus setzt sich ein junger Mann neben mich. Die Kapuze hat er tief ins Gesicht gezogen und fragt auf englisch, ob der Platz frei sei. Ich bejahe. Er öffnet sein Smartphone und der erste Clip, den ich im Augenwinkel sehe, zeigt Campino.
„Have you been there tonight?“ „Yes!“, sagt er, mit strahlenden Augen. „Me too“ antworte ich. Ungläubiges Staunen. Ich hatte mein verschwitztes Hosen-Shirt schon gewechselt.
Er sei gebürtig aus Argentinien und habe die Toten Hosen dort als Kind gesehen, erzählt er mir. Heute lebe er in Zürich und habe erst am Vortag gelesen, dass es für das Konzert noch Tickets gibt.
Wir unterhalten uns ein paar Minuten in gebrochenem Englisch, bis eine automatische Ansage in vier Sprachen darum bittet, leise zu sein, während wir durch die Nacht über die Alpen fahren.
Um 5 Uhr morgens am Busbahnhof Zürich verabschieden wir uns mit einem knappen „Ciao“.
Ein ganzes Leben voller Schönheit, voller Liebe
Ein ganzes Leben für die Freiheit, für die Kunst
Mal lief's richtig rund, mal war Sand im Getriebe
Ein ganzes Leben lang zusammen
Für euch und für uns
Die ersten Töne von „Hier sind die Hosen“ gehen mir direkt unter die Haut. Die Stimme von Farin Urlaub erkenne ich nicht sofort. Für mich ist es eine Liebeserklärung der Ärzte an die Hosen. Sie bleibt für immer.
Was früher einmal war, Trink aus! Wir müssen gehen 2026
Die Toten Hosen haben selbst nicht damit gerechnet, dass „Das Wort zum Sonntag“ sie einmal einholen würde. Eine Zeitlang sang Campino: „Ich bin noch keine 70“. Mit „Was früher einmal war“ haben die Hosen für das letzte offizielle Album eine Antwort auf den 40 Jahre alten Song gefunden.
Wir drehen die Zeit zurück
Für einen halben Tag
Jetzt werden wir erzählen
Was früher einmal war
Die Toten Hosen erzählen jetzt also selbst, wie es früher war. Das heißt aber nicht, dass es wie damals bleiben soll. Im Gegenteil, sie sehen heute manches anders.
Wir werden älter, die Zeiten und die Lebenssituationen ändern sich. Wir machen Erfahrungen, die uns prägen. Ich würde behaupten, wir können nicht mehr die werden, die wir mal waren.
Laune der Natur, Laune der Natur 2017
Ich kenne keinen anderen Song, der die Beziehung des Menschen zur Natur auf eine ähnlich schöne und kreative Art in Worte fasst ❤️
Als wir geboren sind, wurd' die Erde heiß
Lassen Gletscher schmelzen für 'ne Kugel Eis
Schicken Tsunamis auf Entdeckungstour
Und ihr fragt, wie machen die das nur?
Wenn wir traurig sind beginnt die Regenzeit
Vergießen Tränen und das Wasser steht euch bis zum Hals
Wenn Gott so mächtig ist, was sind wir dann nur,
Ja genau, 'ne Laune der Natur
Willkommen in Deutschland, Kauf mich! 1993
Der Text „Willkommen in Deutschland“ ist über 30 Jahre alt. Nach der deutschen Wiedervereinigung kommt es zu Beginn der 1990er Jahre zu einer Welle von rassistischer Gewalt und Anschlägen in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen.
Diese Provokation, sie gilt mir und Dir,
denn auch Du und ich, wir kommen von hier.
Kein Ausländer, der uns dabei helfen kann,
dieses Problem geht nur uns allein was an.
Der Song ist ein Statement für Vielfalt und Diversität. Und er ist ein Aufruf, dass diejenigen, die in einer offenen demokratischen Gesellschaft leben wollen, sich wehren müssen.
Wir waren nie weg, Trink aus! Wir müssen gehen 2026
Mir gefällt dieser Text, weil er mit einem Augenzwinkern ein bisschen provoziert. Er spiegelt, dass wir alle älter werden, nicht nur die Band. Sie versprechen nichts für die Zukunft, aber sie lassen wieder eine Hintertür offen, dass sie jederzeit mit einer Überraschung um die Ecke kommen könnten.
Mach mal Platz da
Fang nicht zu streiten an
Wir sind gekommen, um zu bleiben
Irgendwann in den Achtzigern
Wir waren nie weg
Wir sind noch hier
Fallen mit der Tür ins Haus
In dein Haus, in dein Haus
Wir waren nie weg
Ihr seid frustriert
Ihr seht neben uns schlecht aus
Ganz schlecht aus, ganz schlecht aus
Wir gehen nicht weg
Wir gehen nie weg
Lass mal nicht machen, Trink aus! Wir müssen gehen 2026
An diesem Song gefällt mir der Humor, die Selbstironie und das Augenzwinkern: „Komm, wir machen‘s doch!“ 😜
Mit König Charles im Bellevue fein dinieren
Und große Schnauze an der Berghain-Tür riskieren
Mit dem SUV zum Klimastreik
Los, wir streicheln einen weißen Hai
Mit drei Promille an der Kletterwand
Pfefferminztee am Ballermann
Komm lass mal nicht machen
Lass mal nicht machen, lass mal nicht machen
Paradies, Opium fürs Volk 1996
„Paradies“ thematisiert, wer die Regeln bestimmt und kontrolliert. Welche Regeln sind wichtig und welche weniger? Die Bandbreite reicht von gesellschaftlichen Konventionen bis hin zu Gehorsam. Der Song erzählt das Thema im Kontext von Kirche und Religion.
Wer Messer und Gabel richtig halten kann und beim Essen gerade sitzt
wer immer „Ja“ und „Danke“ sagt, dessen Chancen stehen nicht schlecht
Ich will nicht ins Paradies, wenn der Weg dorthin so schwierig ist
ich stelle keinen Antrag auf Asyl, meinetwegen bleib ich hier.
Für mich steht hinter diesem Text die Frage: Entsprechen die Regeln meinen Werten? Vielleicht ist eine Regel nicht mehr zeitgemäß oder sie ist aus meiner Perspektive nicht wichtig. Wie so oft im Leben, gibt es keine einfachen Antworten.
Die zehn Gebote, Opium fürs Volk 1996
Der Text „Die zehn Gebote“ setzt sich mit Strenge und Verzeihen auseinander, ebenfalls im Kontext von Kirche und Religion.
Wenn ich du wär, lieber Gott,
und wenn du ich wärst, lieber Gott
glaubst du, ich wäre auch so streng mit dir
wenn ich du wär, lieber Gott
und wenn du ich wärst, lieber Gott
würdest du die Gebote befolgen, nur wegen mir
Im übertragenden Sinne würde ich die Frage stellen: Inwieweit bin ich bereit und in der Lage, auf mein Gegenüber und seine Perspektive einzugehen? Gerechtigkeit bedeutet für mich, statt starrer Regeln den jeweiligen Kontext in meine Entscheidung einzubeziehen.
Niemals einer Meinung, Kauf mich! 1993
„Niemals einer Meinung“ ist eigentlich ein Liebeslied. Die kleinen Meinungsverschiedenheiten im Alltag kennt wahrscheinlich jeder von uns.
Ich zeige auf die Sterne, doch Du siehst nur den Mond.
Ich rufe HALT und Du rennst dabei los.
Will ich Dir was erzählen, dann kann ich mir sicher sein,
dass Du schon alles kennst und es auch noch besser weißt.
Wir werden niemals einer Meinung sein,
und wenn sich’s nur ums Wetter dreht.
Ich möchte auch diesen Text auf eine grundsätzlichere Ebene heben. Wie gehen wir miteinander um, wie lösen wir Konflikte, wie tolerant sind wir gegenüber anderen Meinungen?
Wir müssen nicht einer Meinung sein, aber wir können üben, andere Perspektiven einzunehmen und zu verstehen, wie die andere Seite zu ihrer Meinung gekommen ist.
Großalarm, Damenwahl 1986
„Großalarm“ führt uns noch einmal zurück in 1980er Jahre. Der kalte Krieg zwischen Ost und West liegt bleiern über allem. Helmut Kohl wird 16 Jahre lang Bundeskanzler sein.
Großalarm, weil sich nichts bewegt
Großalarm, weil alles still steht
Weil alles hier in Ordnung ist
Weil alle hier zufrieden sind
Weil keiner mehr dagegen ist
Weil die Wahrheit absolut nicht stimmt
Helden und Diebe, Unsterblich 1999
„Das Leben ist Veränderung“, heißt es so schön. Doch für viele ist Veränderung nicht leicht. Besonders schwierig stelle ich es mir vor, Veränderung zu gestalten, während man auf einer großen Bühne im Rampenlicht steht und das Publikum live zuschauen kann.
Auf welches Lied sollen wir Euch die Treue schwören,
und dass wir noch immer die Alten sind?
Wie oft wollt ihr noch „das Wort zum Sonntag“ hören?
Wie lang wollt Ihr noch zu uns stehen?
Wann kommt der Tag, an dem Ihr ruft:
“Es reicht, wir haben genug!“
wir möchten endlich andere Lieder
und eure Zeit ist um.
Mal sind wir Helden und mal Diebe,
je nachdem wie der Wind sich dreht.
Aus welcher Richtung er von morgen kommt,
fragen wir uns nicht.
Ich finde es beeindruckend, wie die Toten Hosen es geschafft haben, mit Veränderungen umzugehen, sich immer wieder neu zu erfinden und sich trotzdem treu zu bleiben.
Alles wird vorübergehen, Zurück zum Glück 2004
Nichts ist beständig. Lass uns das Glück genießen, wenn es vorbeikommt und die schwere Zeit überwinden. Das Auf und Ab des Lebens macht uns im besten Fall widerstandsfähig und zufrieden.
Alles wird vorübergehen
Die gute und die schwere Zeit
Nichts bleibt jemals stehen
Eine Hand voll Glück reicht nie für zwei
Man muss nehmen, was man kriegt
Alle sagen das, Alles aus Liebe: 40 Jahre Die Toten Hosen 2022
„Alle sagen das“ erzählt mit einer Mischung aus Humor, Provokation und Kampfeslust ein Thema, das meistens mit Empörung verknüpft ist.
Die Hosen sind kein Punkrock mehr
Alle sagen das
Die Grünen wollen den Linksverkehr
Alle sagen das
Ein Hoch auf die Gerüchteküche
Wer beweist mir, dass ich lüge
Polarisierung und Desinformation sind eine große Gefahr für demokratische Gesellschaften. Ich liebe es, wie der Song trotzdem mit einer optimistischen Leichtigkeit daherkommt.
Wie viele Jahre (Hasta la Muerte), Laune der Natur 2017
2017 haben alle Bandmitglieder das 50. Lebensjahr überschritten. Der größte Teil des Lebens liegt hinter ihnen. Die Frage nach Vergänglichkeit und der Zeit, die miteinander bleibt, rückt näher.
Wie viele Jahre kann das so weitergehen?
Wie viele Jahre, wieviel Zeit, die für uns übrig ist?
Ein halbes Leben sind wir schon unterwegs
‚Hasta La Muerte‘, das haben wir uns in unsere Haut geritzt
Mit gefällt, wie der Song in den Strophen mit Leichtigkeit und Selbstironie durch die Jahrzehnte der Bandgeschichte reist.
Die Show muss weitergehen, Trink aus! Wir müssen gehen 2026
Die Show muss weitergehen – dem gibt es nichts hinzuzufügen 😇
Auch wenn du es grad kaum sehen kannst
Und deinen Augen nicht mehr traust
Sind die Türen heute verschlossen
Gehen sie morgen wieder auf