Warum wir klicken, was uns wütend macht, und wie wir lernen, anders zu reagieren
Fotos: Alexander Swjagelski
Fotos: Alexander Swjagelski
Beim Sprechen fiel mir auf, dass wiederholt Smartphones in die Höhe gehalten wurden, um Folien zu fotografieren. Und dennoch blieb das Publikum nachdenklich zurück. Meine drei Vorschläge, wie wir lernen, anders zu reagieren, wie wir kritisches Denken und Medienkompetenz stärken können:
Die Vorschläge klingen einfach, sind es aber nicht unbedingt, denn sie erfordern das langsame Denken. Sie kosten uns Energie. Aber: Je öfter wir sie trainieren, um so leichter fallen sie uns.
Nimm dich zurück und gehe diese 5 Schritte nacheinander durch, wenn du eine Nachricht liest.
Halte aus, dass es keine einfache Antwort gibt.
Wir leben in einer komplexen Welt. Trotz sorgfältiger Recherche können Widersprüchlichkeiten bestehen bleiben.
Kaufe ich zum Beispiel Sprudel lieber in der Glas- oder in der Plastikflasche? Für beides gibt es Argumente. Ich muss abwägen, welches Kriterium mir wichtiger ist: Glas ist schwer, zerbrechlich und energieintensiv in der Herstellung. Aus Plastikflaschen können sich gesundheitsschädigende Weichmacher lösen. Wenn Kunststoffe in die Umwelt gelangen, werden sie zu Mikroplastik und gelangen über das Grundwasser und die Luft in unsere Körper. Vielleicht komme ich auch zu dem Schluss, dass ich lieber Leitungswasser aus einer Nachfüllflasche trinke. Und selbst hier muss ich entscheiden, ist die aus Glas, Plastik oder Edelstahl?
Meide die Entweder-Oder-Falle.
Sie suggeriert, dass ich mich entscheiden muss: KI in der Schule? .. ja oder nein. Social Media Verbot für Jugendliche .. dafür oder dagegen? Von Hand schreiben oder mit dem Tablet arbeiten? Selbstbestimmtes Lernen oder Wissensvermittlung? Das sind keine Dinge, die einander ausschließen.
„Sowohl als auch“ oder „Es kommt darauf an“, sind Antworten, die Kontext und Ziel berücksichtigen, statt Symptome zu bekämpfen. Wir sollten diskutieren: Wofür genau ist eine neue Technologie gut und unter welchen Bedingungen versagt sie?
Betrachte die Welt aus der Perspektive der anderen.
Sind deine Annahmen dann immer noch gültig?
Die Frage der Perspektive betrifft alle Dimensionen, in denen Menschen benachteiligt sein können. Wenn ich es nicht bin, kann ich leicht von falschen Annahmen ausgehen.
Erzähle das Gute von lebenswerten Zukünften. Die eine Zukunft ist nicht vorbestimmt. Störereignisse und Gegentrends können immer eintreten. Deshalb spricht die Zukunftsforschung von Zukünften im Plural. Sie zeigen Möglichkeitsräume von wünschenswerten Zukünften.
...indem du Lösungen aufzeigst.
Damit sind keine Good News gemeint. Das wird der komplexen Welt nicht gerecht. Sondern konstruktive, nachhaltige Lösungsansätze, die Limitationen und Kontext benennen.
…indem du hinterfragst, was wir für normal halten.
Das Unvorstellbare zu denken, ist wahrscheinlich die schwierigste Übung.
Vor 30 Jahren war es noch überall erlaubt zu rauchen. Im Gasthaus, im Zug, Flugzeug! Verrückt! Heute gibt es in Frankreich ein Rauchverbot an öffentlichen Stränden, in Parks und an Bushaltestellen .. überall dort, wo sich junge Menschen im Freien aufhalten.
Wandel ist möglich, aber er braucht seine Zeit. Ziel der französischen Regierung ist es, eine erste tabakfreie Generation zu schaffen. Das ist eine starke Vision!
...indem du ins Gespräch kommst und zuhörst.
Sei offen für Neues und andere Perspektiven. Aber benenne auch klar, wenn eine Grenze überschritten wird. Wo Fakten geleugnet werden. Wo es keinen Kompromiss und kein Nachgeben geben kann. Zum Beispiel beim Grundgesetz oder der Menschwürde.
...indem du Gesellschaft mitgestaltest.
Ja, Veränderung kann anstrengend sein. Weil wir immer wieder unser Denken in Frage stellen müssen. Jede und jeder kann und soll mitgestalten, wie wir zusammenleben wollen. Und wir dürfen unsere Meinung ändern, wenn sich die Welt verändert.
…indem du hoffnungsvoll bleibst.
Hoffnung ist kein Zustand, sie speist sich aus aktivem Handeln.
Hoffnung ist nicht das Gleiche wie Optimismus. Hoffnung ist die Gewissheit, dass etwas Sinn ergibt - egal wie es ausgeht.
In den Blogbeiträgen "Die Fabrikation der Wahrheit" und meiner Nachlese zur Digitalmesse re:publica 2025 habe ich zusammengetragen, wie die verzerrte Wahrnehmung unseres Gehirns von Social Media-Plattformen verstärkt wird und wie problematisch deren Marktmacht ist.
Was antworte ich also Menschen, die angesichts dieser großen Herausforderungen ratlos sind, was sie selbst beitragen können?
Ich bin überzeugt davon, dass wir viele sind. Wir können es nur schlecht wahrnehmen, weil die Ränder so laut sind. Wir alle können Multiplikator*innen sein und Menschen beeinflussen.
Es beginnt im Kleinen: Jedes Gespräch, das ich führe. Jede Aktion von anderen, die ich unterstütze. Jeden konstruktiven Post, den ich like. Das alles hat eine Wirkung, wenn es viele tun. Es verändert, was wir für normal halten, es beeinflusst Entscheidungsträger.
Überlege, was du besonders gut kannst, wen du in deinem direkten Umfeld erreichen kannst, wie du ganz persönlich zu einer lebenswerten Zukunft beitragen kannst.