Ich sehe dich!

Bildung menschenzentriert denken

Mich treibt die Frage um, wie wir Bildung menschenzentriert denken können, damit sie den Bedürfnissen der Lernenden und Lehrenden gerecht wird? Es ist schon länger offensichtlich, dass die starre Art und Weise, wie in Schulen und Hochschulen unterrichtet wird, nicht mehr zeitgemäß ist.

Das Bildungssystem ist unflexibel und nicht belastbar. Immer mehr Lernende und Lehrende leiden unter Zeit- und Leistungsdruck und werden krank. Die Belastungen in der Corona-Pandemie sind noch bei vielen spürbar. Lernen und Lehren ist unter diesen Bedingungen immer schwieriger möglich. 

Die Geschichte des Professors zeigt: Wir müssen unser Mindset ändern für ein flexibles und menschenzentriertes Bildungssystem der Zukunft.

Das Drehbuch für einen Kurzfilm habe ich geschrieben im Wahlfach „Theater of Mind“ bei Mike von der Nahmer im Masterstudiengang Zukunftsdesign

Erste Szene – im Hörsaal

Ein Gong ertönt, es ist 8 Uhr morgens. Wir sind in einem Hörsaal. Studierende sitzen in akkurat bestuhlten Reihen und verstecken sich hinter ihren aufgeklappten Laptops. Ihre Gesichter sind nicht zu sehen. Nur jeder dritte Platz ist besetzt. Die vorderste Reihe bleibt frei. Die Studierenden wirken müde und tragen noch ihre Jacken. Es ist kühl, ein Fenster steht offen. Sanft scheint die Morgensonne herein.

Eine Musik erklingt, wie ein sonniger Frühlingsmorgen. Der Professor betritt im Anzug und mit Aktentasche den Raum. Sein Auftreten ist dynamisch und gut gelaunt. Er legt seine Aktentasche aufs Pult, zieht seine Unterlagen heraus und schaut erwartungsvoll in die Runde.

DER PROFESSOR: „Guten Morgen!“

Die Studierenden geben keine Antwort. Sie verstecken sich tiefer hinter ihren Bildschirmen und murmeln vor sich.

Das Ticken der Uhr ist leise zu hören.

Der Professor ist irritiert, dreht sich langsam zur Tafel und nimmt ein Stück Kreide in die Hand.

DER PROFESSOR: „Gut. In drei Wochen sind die Prüfungen. Bis dahin haben wir noch einiges zu tun.“

Der Professor schreibt ein Datum an die Tafel, dreht sich wieder zu den Studierenden und lacht, als wolle er einen Witz machen.

DER PROFESSOR: „Also, Sie haben noch einiges tun.“

Die Studierenden zeigen keine Regung. Die Tür öffnet sich und eine Studentin kommt herein, kurz darauf ein weiterer Student. Auch ihre Gesichter sind nicht zu erkennen. Ihre Kapuzen ragen tief ins Gesicht.

Der Professor schaut kurz zur Tür, sammelt sich und setzt neu an.

DER PROFESSOR: „Ja, also, wo war ich? Ach ja, genau. Am Freitag ist die Deadline für die Abgabe Ihrer Konzepte. Bis 23:59 Uhr müssen sie auf der Lernplattform hochgeladen sein, sonst kann ich Sie nicht zur Prüfung zulassen.“

(fügt väterlich hinzu) „Und das wollen wir ja nicht.“

Der Professor schaut in die Runde, keine Reaktion der Studierenden.

DER PROFESSOR (holt Luft): „Also, dann wollen wir…“

Die Tür öffnet sich erneut, ein weiterer vermummter Student betritt den Raum und unterbricht den Professor, indem er laut die Tür ins Schloss fallen lässt. Der Professor verliert den Faden. Als er gerade neu ansetzen will, weht ein Windstoß das oberste Blatt vom Stapel seiner Unterlagen. Alle halten kurz inne. Der Professor schaut verärgert, geht zwei Schritte und bückt sich, um das Blatt aufzuheben.

Als der Professor wieder aufblickt, ertönt eine unruhige Musik. Die drei zu spät Gekommenen laufen durch die Reihen, suchen einen Platz und finden keinen. In die erste Reihe wollen sie sich nicht setzen. Sie laufen immer weiter im Kreis. Die Sitzenden werden ebenfalls unruhig. Manche legen den Kopf auf den Tisch, andere halten sich die Ohren zu oder versinken noch tiefer hinter ihren Bildschirmen. Wieder andere scrollen auf ihrem Smartphone.

Währenddessen tickt die Uhr an der Wand immer lauter, bis ein Paukenschlag ertönt.

DER PROFESSOR (schreit wütend mit hochrotem Kopf): „Setzen Sie sich hin! Und konzentrieren Sie sich! Ich habe es schon hundertmal erklärt! Ich erwarte mehr Respekt!“

Auf dem Smartphone einer Studentin ist diese in einem TikTok-Video zu sehen. Sie schaut in die Kamera, ihr Gesicht ist erstmals zu sehen.

Das System ist brüchig

EINE STUDENTIN: (leise, äfft den Professor nach)
DAS SYSTEM IST BRÜCHIG.
JETZT KONZENTRIER DICH MAL!
NEIN, DAS IST NICHT RICHTIG.
DAS ÜBEN WIR NOCHMAL.

EINE STUDENTIN: (lauter werdend, anklagend)
DAS SYSTEM IST BRÜCHIG.
ICH HAB’S DIR OFT ERKLÄRT.
DU KANNTEST DOCH DIE REGELN!
JETZT IST ES ZU SPÄT.

Ein Student steht wütend auf, reißt sich die Kapuze vom Kopf. Er schaut in die Kamera, sein Gesicht ist erstmals zu sehen.

EIN STUDENT: (laut und bestimmt, im Befehlston)
ICH ZEIGE DIR, WIE ES GEHT!
DENN ICH WEISS ES BESSER.
MACH, WAS ICH DIR SAGE!
ICH BIN DER PROFESSOR.

ALLE STUDIERENDEN IM HÖRSAAL: (mit fester Stimme)
DAS SYSTEM IST BRÜCHIG.
DU SIEHST NICHT, WIE‘S MIR GEHT!
DAS SYSTEM IST BRÜCHIG.
ICH MACH DA NICHT MEHR MIT!

Der Professor greift wutschnaubend seine Tasche und verlässt zügig und wortlos den Raum. Die Tür fällt ins Schloss.

Zweite Szene – zuhause in der Küche

Der Professor geht durch einen hellen Flur auf eine weiße Tür zu. Er öffnet sie und betritt die heimische Küche. Die Mittagssonne strahlt hell durch das Fenster. Seine Frau Bettina sitzt mit dem Rücken zur Tür am Küchentisch und blickt auf, als er hereinkommt. An dem Platz, an dem früher ihre gemeinsame Tochter Anna saß, steht ein Teller mit einem halb aufgegessenen Brot und ein Glas. Es ist still im Raum.

DER PROFESSOR (verwundert): „Ist Anna zuhause?“

SEINE FRAU BETTINA (leise): „Sie ist in ihrem Zimmer.“

DER PROFESSOR: „Aber…“

(geht am Tisch vorbei Richtung Fenster)

„Müsste sie nicht an der Uni sein?“

SEINE FRAU BETTINA: „Sie kann nicht.“

DER PROFESSOR (ungehalten): „Wieso kann sie nicht?“

SEINE FRAU BETTINA (zögerlich): „Naja, es geht ihr nicht gut. Sie will nicht mehr zur Uni gehen.“

DER PROFESSOR (redet sich in Rage): „Also, das ist völlig inakzeptabel! Sie kann doch nicht aufgeben, nur weil es schwierig wird? Sie war immer eine ausgezeichnete Studentin und jetzt lässt sie sich von ein paar Herausforderungen unterkriegen? Ich kann es nicht fassen! Wenn ich damals so schnell aufgegeben hätte, wären wir nirgendwohin gekommen. Ich habe dir immer gesagt, dass du sie zu sehr verwöhnst und jetzt siehst du, wohin das führt. Wir müssen ihr klarmachen, dass sie sich zusammenreißen und hart arbeiten muss, um Erfolg zu haben!“

SEINE FRAU BETTINA (vorsichtig empathisch, wissend, dass der Professor kein Verständnis dafür haben wird): „Sie sagt, der Druck sei ihr zu groß.“

DER PROFESSOR: „Pah, der Druck, der Druck! Da gibt es doch jetzt so kostenlose Kurse an den Unis. Wie man sich gut organisiert, gutes Zeitmanagement und so. Das sollte sie mal machen!“

SEINE FRAU BETTINA (zeigt auf ihr Smartphone): „Und sie hat Angst vor der Zukunft, schau…“

Annas Welt

ANNA: (leise und niedergeschlagen)
KEINE ZEIT, KEINE ZEIT,
GARNICHTS MACHT MEHR SINN.
KEIN ZEIT, DU KANNST NICHT SEHEN,
WIE ERSCHÖPFT ICH BIN.

ANNA: (traurig)
ICH BLEIB ZUHAUS, ICH GEHT NICHT RAUS,
HOMESCHOOLING UND PANDEMIE.
NUR ICH IN MEINEM ZIMMER,
SO ALLEIN WAR ICH NOCH NIE.

ANNA: (gehetzt, unter Druck)
DIE WELT, SIE DREHT SICH WEITER
DOCH ICH KOMM NICHT MEHR MIT.
PRÜFUNGEN UND LEISTUNGSDRUCK
ICH SCHAFF DAS ALLES NICHT.

ANNA: (lauter und verzweifelt)
IMMER SCHNELLER, IMMER SCHNELLER,
ES BLEIBT UNS KEINE ZEIT!
KLIMAKRISE, ARTENSTERBEN,
DAS ALLES MACHT MIR ANGST (schrill und vorwurfsvoll)

Dritte Szene – im Gasthaus

Der Professor sitzt mit seinem alten Schulfreund Peter an einem Tisch im Gasthaus. Es ist Abend, der Raum ist dunkel, über dem Tisch hängt eine Lampe, die gelbes Licht auf ihre Gesichter wirft. Vor ihnen stehen zwei Gläser Bier. Daneben liegen ihre Smartphones mit dem Display nach oben. Im Hintergrund ist Stimmengewirr zu hören.

DER PROFESSOR (seufzt): „Ach, Peter, ich habe noch fünf Jahre bis zur Rente. Dann wollte ich mir ein schönes Leben mit Bettina machen. Ich habe gut verdient, musste mir keine finanziellen Sorgen machen. Aber jetzt tauchen plötzlich aus dem Nichts so viele Probleme auf. Die Welt verändert sich so schnell, ich komme gar nicht mehr mit.“

SCHULFREUND PETER (trinkt einen Schluck Bier und brummt zustimmend): „Hmm.“

DER PROFESSOR: „Die Online-Lehre in der Pandemie hat mich schon so viel Kraft gekostet. Und jetzt überholt uns noch Künstliche Intelligenz. Ich muss alle Prüfungen umarbeiten, damit die Studierenden nicht mit ChatGPT betrügen können.“

(zögert, das Stimmengemurmel im Hintergrund wird leiser)

„Wenn sie überhaupt noch kommen. Im ersten Semester sind es nur noch ein Drittel der Studierenden, die es sein müssten. Ich habe es Bettina noch nicht gesagt: Die Hochschule wird mir deshalb mein Deputat kürzen.“

SCHULFREUND PETER (setzt sein Glas ab und ist überrascht): „Oh.“

DER PROFESSOR: „Am meisten Sorgen mache ich mir aber um Anna. Sie will ihr Studium abbrechen. Jetzt wohnt sie wieder bei uns und ist den ganzen Tag in ihrem Zimmer. Trifft niemanden, hängt immer nur am Smartphone. Bettina sagt, es gehe ihr nicht gut.

(hebt die Arme)

Was soll das heißen, geht ihr nicht gut?

SCHULFREUND PETER:
WAS SOLL DAS HEISSEN, GEHT IHR NICHT GUT?
IHR HABT DOCH ALLES.

DER PROFESSOR:
EIN HAUS, EIN AUTO, EIN LEBEN IM LUXUS,
IST DAS NICHT GENUG?

SCHULFREUND PETER:
WAS SOLL DAS HEISSEN, GEHT IHR NICHT GUT?
IHR SITZT ZUHAUSE, REDET VON STRESS.

DER PROFESSOR:
UND ICH MUSS DA RAUS GEHEN,
MEINEN TÄGLICHEN KAMPF, DEN SEHT IHR NICHT.

DER PROFESSOR:
MORGENS DER ERSTE, ABENDS DER LETZTE
FORSCHEN UND LEHREN FÜR DIE KARRIERE

SCHULFREUND PETER:
WER IST DER ERSTE? WER IST DER BESTE?
ZEIG BLOSS KEINE SCHWÄCHE.

DER PROFESSOR:
WAS SOLL DAS HEISSEN, GEHT IHR NICHT GUT?
SAG, WAS IST MIT MIR?
ICH VERSTEH’S NICHT MEHR.
DIE WELT, SIE WIRD MIR FREMD.

SCHULFREUND PETER

(trinkt eine Schluck aus seinem Glas und schweigt.)

DER PROFESSOR

(schaut auf und bemerkt erst jetzt, dass sich das Gespräch ausschließlich um ihn gedreht hat)

„Und was ist mit dir?“

SCHULFREUND PETER

(blickt auf, schaut den Professor an und erzählt stockend und leise)

„Ich arbeite nicht mehr.
Schon seit sechs Monaten.
Ich wusste nicht, wie ich es dir sagen soll.
Du bist immer so voller Energie, hast so viel Erfolg.“

(holt tief Luft)

„Diagnose Burnout.
Ich mache jetzt eine Therapie.“

DER PROFESSOR (schaut überrascht): „Aber?“

Die Displays der beiden Smartphones leuchten auf und spielen dasselbe TikTok Video ab.

Ich seh' nicht, wie's dir geht

SCHULFREUND PETER:
DU SIEHST NICHT, WIE‘S MIR GEHT
CORONA PANDEMIE UND KRIEG

DER PROFESSOR:
KRISE FOLGT AUF KRISE
GLAUBST DU, DAS LÄSST MICH KALT?

ANNA:
DU SIEHST NICHT, WIE‘S MIR GEHT
SO ALLEIN WAR ICH NOCH NIE

DER PROFESSOR:
ICH GEB DIR ALLES, WAS ICH HAB,
DOCH DAS IST NICHT GENUG.

DER PROFESSOR:
DAS SYSTEM, ES FUNKTIONIERT NICHT MEHR
ICH HABE KEIN REZEPT
DER KAMPF, ER IST UNENDLICH SCHWER.
ICH SEH NICHT, WIE’S DIR GEHT

STUDENTIN:
DU SIEHST NICHT, WIE‘S MIR GEHT
PRÜFUNGEN UND LEISTUNGSDRUCK

DER PROFESSOR:
KI BEHERRSCHT DEN MENSCH
ICH VERSTEH DIE WELT NICHT MEHR.

Vierte Szene – wieder im Hörsaal

Wir befinden uns wieder im Hörsaal. Die Studierenden sitzen immer noch versteckt hinter ihren Laptops. Es sind noch weniger geworden. Die erste Reihe ist frei. Die Morgensonne scheint herein. Die Musik aus der ersten Szene erklingt, aber etwas langsamer und bedächtiger.

Der Professor betritt im Anzug und mit Aktentasche den Raum. Sein Auftreten ist zurückhaltend vorsichtig. Er legt seine Aktentasche aufs Pult, lässt sie verschlossen, zögert einen Moment und geht dann ein paar Schritte auf die Studierenden zu. Er schaut einen Studenten direkt an.

DER PROFESSOR (vorsichtig): „Guten Morgen.“

Der Student schaut vorsichtig hinter dem Laptop hervor, seine Augen sind (erstmals) zu sehen. Der Professor geht zur nächsten.

DER PROFESSOR: „Wie geht es dir?“

Die Studentin lächelt vorsichtig, man sieht ihr Gesicht. Der Professor bemerkt, dass sich etwas ändert, er geht weiter auf die Studierenden zu.

DER PROFESSOR (zuversichtlich): „Du wirst es bald können.“

Der Student nimmt die Kapuze vom Kopf und lächelt etwas verlegen. Der Professor wird immer mutiger und spricht eine Person nach der anderen an, bis er alle Gesichter sehen kann.

 DER PROFESSOR: „Wie kann ich dich unterstützen?“

Auf allen Bildschirmen/Smartphones läuft ein TikTok-Video, in dem die Studierenden und der Professor freundlich und direkt in die Kamera schauen.

Ich sehe dich!

STUDENTIN:
ICH SEHE DICH! WIE GEHT ES DIR?
SIEHST DU, ES GEHT GANZ LEICHT.
ES BRAUCHT NICHT VIEL,
DASS DU UND ICH VERTRAUEN.

STUDENT:
ICH SEHE DICH! WIE GEHT ES MIR?
ICH WERDE ES BALD KÖNNEN.
SCHRITT FÜR SCHRITT KOMMEN WIR VORAN,
WEIL DU MICH MOTIVIERST.

DER PROFESSOR:
DU UND ICH, WIR SIND HIER,
ICH LERNE AUCH VON DIR.
ES FÄLLT NOCH SCHWER, ICH GEB NICHT AUF.
WIR SCHAFFEN DAS ZUSAMMEN.

STUDENTIN:
ICH SEHE DICH! UND DU SIEHST MICH.
WIR HABEN KEINE ANGST.

DER PROFESSOR:
DAS SYSTEM, ES WANDELT SICH.
WEIL WIR ES ÄNDERN KÖNNEN.