Mit ChatGPT perspektivenreiche Antworten generieren

Können Journalist*innen mit der Unterstützung von ChatGPT perspektivenreichere Fragestellungen für journalistische Beiträge formulieren als nur mit ihrer eigenen Vorstellungskraft und Erfahrung? Diese Frage soll ein Versuchsaufbau mit dem CustomGPT Navigator für Perspektivenvielfalt beantworten.

Ein Anti-Bias-Training für Journalist*innen

Mithilfe von Personas ist es möglich, die Perspektive einer anderen Person einzunehmen und sich vorzustellen, wie sie über ein bestimmtes Thema denkt oder welche Fragen sie sich stellen würde.

Beim methodischen Recherchieren stellen Journalist*innen die W-Fragen: Was ist passiert? Wo und wann ist es passiert? Wer waren die Beteiligten? Wieso und warum ist es passiert? Neben dem Neuigkeitswert des Themas und der Relevanz für die Zielgruppe wird außerdem gefragt, worin der Konflikt besteht und welche Relevanz das Thema für zukünftige Entwicklungen hat.

Die eigene Perspektive leitet dabei mehr oder weniger unbewusst die Recherche, je nachdem wie sensibilisiert die Person für kognitive Verzerrungen oder Diskriminierungsformen ist, beziehungsweise wie divers die Redaktion besetzt ist.

Mithilfe von Personas und generativer KI soll herausgefunden werden, ob der Perspektivwechsel mithilfe von ChatGPT herbeigeführt werden kann. Inwiefern kann künstliche Intelligenz hierbei als Tool unterstützen und in Kollaboration bessere Ergebnisse liefern als die alleinige menschliche Vorstellungskraft?

Personas und ChatGPT

Am Beispiel der journalistischen Ausbildungsredaktion uniCROSS im Medienzentrum der Unibibliothek Freiburg werden zunächst unterschiedliche Personas entwickelt, die den Perspektivwechsel ermöglichen sollen.

In einem zweiten Schritt wird eine Arbeitstechnik mit Hilfe von künstlicher Intelligenz erarbeitet. Dabei wird ein Prompt-Design für ein Large Language Model, hier Chat GPT, erarbeitet, das Journalist*innen bei der Entwicklung von perspektivenreichen Fragestellungen anhand eines gesellschaftlich relevanten Themas unterstützen soll.

Ziel ist es, herauszufinden, ob die Unterstützung durch KI einen signifikant messbaren Mehrwert ergibt, etwa in Form von weiteren Perspektiven, die bei den Autor*innen nicht vorhanden sind oder unter Zeitdruck und dem Einfluss von Biases übersehen wurden.

Unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen

Das generative Sprachmodell ChatGPT soll als Werkzeug in journalistischen Redaktionen genutzt werden, um perspektivenreicher zu berichten. Dadurch soll vermieden werden, dass journalistische Beiträge einseitig das Weltbild der Autor*innen vermitteln, das möglicherweise von Teilen der Zielgruppe abgelehnt wird.

Indem Journalismus perspektivenreich berichtet, können die Menschen sich mit Themen konstruktiv auseinandersetzen. Sie können wahrnehmen, dass sich Themen aus unterschiedlichen Perspektiven anders darstellen und dass es oftmals keine einfachen Antworten gibt, die mit richtig oder falsch bewertet werden können.

Auf einer solchen Basis können Bürger*innen sich ohne Polarisierung ihre eigene Meinung bilden. Dies ist insbesondere wichtig für Fragestellungen, die von Gesellschaften als Ganzes ausgehandelt werden müssen.

Zuerst selbst denken

Künstliche Intelligenz arbeitet mit existierenden Daten, KI kann keine neuen Ideen denken und keine Fragen stellen, die noch nicht gestellt wurden. Das kann bislang nur der Mensch. Das Tool ist daher nicht dazu intendiert, von Grund auf neue Themen oder Fragen zu generieren. Basis ist immer die menschliche Inspiration und Kreativität.

Das Thema und die Fragestellung, die bearbeitet werden sollen, wurden formuliert. Bevor der nächste Arbeitsschritt beginnt, in dem eine tiefere Recherche betrieben und Interviews geführt werden, soll das Tool angewendet werden. Es dient der Inspiration und Überprüfung, welche Perspektiven möglicherweise übersehen wurden. Es wird eingesetzt, um die Recherchefragen zu erweitern, ein Interview vorzubereiten oder die Leitfrage zu hinterfragen.

Der Zeitpunkt der Nutzung ist in der Problemfindungsphase, bevor die Lösungsfindungsphase beginnt, also eine Konzeption erstellt oder ein Interview vorbereitet wird.

Wahrgenommene Leistung und Nutzungsabsicht

Neben der wahrgenommenen subjektiven Performanz soll auch die zukünftige Nutzungsintention ermittelt werden. Die Absicht, eine Technologie zu nutzen, speist sich aus dem wahrgenommenen Nutzen und der wahrgenommenen einfachen Bedienbarkeit [136].

Der wahrgenommene Nutzen betrachtet die Technologie als Objekt, das vom Menschen genutzt wird. Ein Dialog mit ChatGPT stellt eine Interaktion zwischen Mensch und künstlicher Intelligenz dar. Daher erscheint es sinnvoller, statt des wahrgenommenen Nutzens die wahrgenommene subjektive Performanz der KI zu messen.

Die wahrgenommene einfache Bedienbarkeit wird in dieser Arbeit nicht berücksichtigt. ChatGPT ist ein Tool, das sehr niedrigschwellig zu nutzen ist. Es wird angenommen, dass die weitere Entwicklung und Verbreitung der Technologie so schnell voranschreiten, dass eventuell vorhandene Bedenken oder Unerfahrenheit im Umgang bald keine Hürde mehr darstellen werden, insbesondere bei der jüngeren Zielgruppe.

Für die einfache Handhabung wird die Anwendung als eigener GPT-Chatbot realisiert, der die Beschreibungen der Personas sowie die Fragen entsprechend der Checkliste für gute Themen [137] enthält und mit Kurzbefehlen bedient werden kann. Darüber hinaus können Nutzer*innen die Personas individuell interviewen.

Quellen

[136]M. Jockisch, „Das Technologieakzeptanzmodell,“ in „Das ist gar kein Modell!“, Wiesbaden, Gabler, 2010.
[137]A. Rhode, Finde ein Thema, 7. Oktober 2021.