Schaffen wir den Unterricht ab!

Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Eine Schule, die von Schüler*innen und Lehrkräften gerne aufgesucht wird. Eine Schule, in der es Spaß macht, zu lernen.

Die Standortbestimmung zeigt derzeit eher das Gegenteil: Die Lernenden und Lehrenden stehen unter hohem Zeit- und Leistungsdruck. Viele Schulgebäude sind sanierungsbedürftig. Die Lernbedingungen sind alles andere als gut. Hinzu kommen Herausforderungen, die keineswegs neu sind, wie Digitalisierung, Integration und Inklusion, für die es aber noch keine angemessenen und flächendeckenden Antworten im System Schule gibt.

Währenddessen wandeln sich Gesellschaft und Berufswelt in rasantem Tempo. Digitale Technologien werden viele Aufgaben, die bisher von Menschen erledigt wurden, ersetzen. Gleichzeitig werden neue Berufe mit völlig anderen Anforderungen entstehen. Es stellt sich die Frage: Bilden wir junge Menschen noch für die Berufe der Zukunft aus?

Für eine Schule, die das leisten könnte, müssen wir die Perspektive wechseln. Es wäre eine Schule, in der die Lernenden bestimmen, was sie wann und wie lernen. Dafür müssen wir den Unterricht abschaffen!

Können wir ohne Unterricht lernen?

Eine Grenze zu überschreiten oder zu verschieben, bedeutet, die richtige Frage zu stellen. Gehen Kinder ohne Anwesenheitspflicht noch zur Schule? Können wir ohne Klassenzimmer und Stundenplan unterrichten? Können wir ohne Unterricht lernen? Reflexartig kommen uns Einwände in den Sinn. Unsere eigene Erfahrung lässt die relevante Frage überhaupt nicht zu. Es bleibt alles beim Alten, weil wir durch Optimierung nicht mehr weiterkommen. Wir benötigen einen Innovationssprung.

Was wollen junge Menschen?

Ich frage meine Kinder, was sie an der Schule gerne abschaffen würden. Beide antworten sehr radikal. Meine Tochter (14, 8. Klasse) sagt: „Lehrer, Regeln, Noten“. Nachfragen lässt sie nicht zu. Mein Sohn (18, 12. Klasse) antwortet: „Schule und Unterricht“. Auf meine Nachfrage sagt er: „Ich mache doch nicht deine Hausaufgaben.“ Möglicherweise ist die ablehnende Haltung der Pubertät und meiner Rolle als ihre Mutter geschuldet.

Meine Studierenden, die ich ebenfalls frage, antworten weniger radikal, aber im Grunde geht es in eine ähnliche Richtung: Sie wollen selbst bestimmen, was sie lernen, in ihrem eigenen Tempo ohne Zeit- und Leistungsdruck. Sie wünschen sich individuelle Betreuung und variable Fristen, verschiedene Möglichkeiten der Leistungsüberprüfung. Und sie wollen mit Respekt behandelt werden. Frust und Resignation klingen in den Antworten an, sie haben keine Möglichkeit und keine Hoffnung, dass sich bald etwas ändern könnte. Und so wird ihnen möglicherweise die Neugier am Lernen abtrainiert.

Meinem Sohn stelle ich zwei Minuten später erneut eine Frage, während er auf sein Smartphone schaut. Er hebt den Zeigefinger vor die Lippen und sagt: „Psst, ich lese was.“ Und ich denke, es wäre toll, wenn Schule so wäre, dass die Lernenden beim Lernen nicht gestört werden wollen.

Wir schaffen den Unterricht ab!

Die Schwachstelle des heutigen Schulsystems sind die beteiligten Menschen. Sie sind ausgelaugt, nicht motiviert, nicht wenige werden krank. Wir können die Menschen aber nicht optimieren und wir können auch nicht die Zahl der Lehrkräfte beliebig erhöhen. Sie sind nicht vorhanden und das Geld fehlt. Deshalb müssen wir den Unterricht verändern.

In welcher Dimension ist der am stärksten wirksame Hebel? Was wäre, wenn die Lernenden entscheiden würden, was sie wann und wie lernen wollen, und nicht die Lehrenden? Wie könnte individuelles Lernen funktionieren? Wie kann Lernen in jedem Alter und freier Zugang zu Wissen, Methoden und Lernbegleiter*innen organisiert werden? Die Aufgabe scheint zunächst unlösbar, denn es gibt viele Einwände.

Aber, was machen dann die Lehrkräfte?

Die Lehrenden werden zu Lernbegleiter*innen. Sie arbeiten in Teams und nehmen unterschiedliche Rollen ein. Wir werden in Zukunft sehr viel weniger Lehrkräfte benötigen, die ausschließlich Fachwissen vermitteln. Der Verband Bildung und Erziehung plädiert für multiprofessionelle Teams, bestehend aus Psycholog*innen, Sozialarbeiter*innen sowie IT- und Gesundheitsfachkräften.

Die Ausbildung der Lehrkräfte wird sich ändern müssen. Neben erforderlichem Fachwissen sollten sie über mehr pädagogische und didaktische Kenntnisse verfügen. Sie sollten in Methoden des Agilen Lehrens und Lernens ausgebildet sein. Sie sollten eine Kultur der Digitalität leben und die Möglichkeiten des hybriden Lehrens verstehen und anwenden.

Sie müssen Erfahrung sammeln in Team- und Projektarbeit und im Storytelling: „Weil unsere Vorfahren auf unterhaltsame, sinnstiftende Weise aus den Fehlern anderer lernten, ohne dabei zu sterben, haben Geschichten dazu beigetragen, die Evolution unserer Spezies massiv zu beschleunigen“, schreiben Samira El Ouassil und Friedemann Karig in ihrem Buch Erzählende Affen.

Nicht jede Lehrkraft wird über alle Fähigkeiten, Kenntnisse und Kompetenzen gleichermaßen verfügen. In Teams werden sie zu definierende Rollen übernehmen, die sich ergänzen.

Aber, wo und wie lernen wir dann?

Für neue Lehrmethoden werden flexiblere Räume benötigt. Mandana Sedighi geht mit ihren Vorschlägen im Forschungsprojekt Mehr als ein Lernort: Schule als hybrides System weit über flexible Möbel hinaus. Beispielsweise könnten Co-Working-Spaces für Start-ups im Schulgebäude eingerichtet werden. Mensen könnten für weitere Personengruppen geöffnet oder Räume mit anderen Akteuren geteilt werden, um Bildungsnetzwerke zu ermöglichen, von denen alle Akteure profitieren.

Möglicherweise werden auch weniger Räume benötigt. Wenn ein bestimmter Anteil des Lernens zuhause, im digitalen oder gar im virtuellen Raum, Stichwort Metaverse, stattfindet.

Konzepte wie Blended Learning oder Flipped Classroom, Selbstlerneinheiten und Übungen oder Praxis- und Projektarbeit müssen nicht zwingend in einem Schulgebäude stattfinden. Präsenztreffen könnten an neuen Orten stattfinden: in der Natur, bei Unternehmen, auf einer Konferenz oder einem Barcamp an anderen Schulen oder Hochschulen etc.

Aber, wie kontrollieren wir, welche Inhalte wie gut gelernt werden?

Ein Bildungssystem, in dem die Lernenden individuell entscheiden, was sie wann lernen möchten, in dem Lernen auf unterschiedlichen Wegen, an unterschiedlichen Orten stattfindet, und in dem Lernbegleiter*innen flexibel zur Verfügung stehen sollen, ist sehr komplex. Der Grad der Entropie ist sehr hoch und es entsteht ein Kontrollverlust. Diese Lücke kann nur Vertrauen schließen und eine Organisation, die die Möglichkeiten der Digitalisierung und Vernetzung ausschöpft.

Wie können wir Lernerfolg neu definieren? Was sind unsere Ziele für Lernende? Wenn das Pferd beim Pferdecoaching stehen bleibt, gebe ich ihm die Note 6? Wenn es ein bisschen mitgeht, die Note 4? Oder bringt es mir Respekt und Vertrauen entgegen, dass ich den Weg mit ihm bis zum Ziel gehen werde?

Der Denkrahmen der Neuzeit beinhaltet, dass alles messbar sein muss. Aber messen wir in Bezug auf Lernen das Richtige mit dem passenden Maß?

Björn Nölte und Philippe Wampfler plädieren in ihrem Buch Schule ohne Noten für ein Umdenken. Sie sagen, wir hätten gelernt, Unterricht mit Prüfungen und Noten zu verbinden. Noten würden aber Fehlanreize darstellen. Statt ganzheitlich und selbstwirksam zu lernen, würden Kinder schnell ihr Handeln auf die Bewertungskriterien ausrichten. An die Stelle der Noten müsse eine Form von Verbindlichkeit und Feedback treten, denn: „Die wichtigen Prozesse, die Lernende voranbringen, erfolgen alle, bevor eine Arbeit abgegeben, eine Prüfung geschrieben oder ein Lernprodukt bewertet wird.“

Noten bilden also nur ab, wie gut die Lernenden sich an das bestehende System angepasst haben. Sie zeigen nicht, ob sie in der Lage sind, selbständig Problemstellungen zu bearbeiten, sich fehlendes Wissen gezielt anzueignen und im Team zu arbeiten. Der Schweizer Telekommunikationsanbieter Swisscom hat jetzt mitgeteilt, dass bei Bewerbungen für Lehrstellen künftig nicht mehr die Schulnoten relevant sein sollen. Ein Grund sei, dass Noten nicht zeigen, was eine Person wirklich antreibt.

Wenn Schüler*innen aus eigenem Antrieb lernen sollen, muss folglich die Verantwortung für den Lernerfolg auf die Lernenden übertragen werden. In ihrem Buch Evolving Education beschreibt Katie L. Martin einen lernendenzentrierten Ansatz, die Learners Agency. Das Konzept stellt einen Paradigmenwechsel dar:

  • Individuelles Lernen: Jede*r Lernende ist einzigartig.
  • Die Beziehungsarbeit zwischen Lernenden und Lehrenden ist elementar.
  • Jede*r hat die Fähigkeit zu lernen und einen Beitrag zu leisten.
  • Erfolg ist individuell. Jede*r hat individuelle Stärken, Interessen und Ziele.
  • Der Fokus liegt auf dem Lernerfolg (nicht auf dem Lehrerfolg).
  • Jede*r lernt in seinem eigenen Tempo und folgt seinem individuellen Lernpfad.
  • Das System passt sich an die Bedürfnisse der Lernenden an.
  • Lernende wollen lernen!
  • Bildung findet durch und mit den Lernenden statt (und nicht durch die Lehrenden).
  • Lernende planen ihren Lernpfad auf Basis von Zielen und Bedürfnissen der Gemeinschaft.
  • Durch Fehler lernen wir und können uns verbessern.
  • Weiterentwicklung, um das Beste für Lernende und das Lernen zu erschaffen.

Mit Mut, Respekt und Vertrauen in die Zukunft

Unsere Denkweise verhindert Innovation, weil wir für falsch halten, was nicht belegbar und messbar ist. Wir kontrollieren, messen, bewerten und vergessen dabei, dass die natürlichen Ressourcen Neugier und Wissensdurst evolutionär in Menschen angelegt sind. Das aktuelle Schulsystem arbeitet kontraproduktiv und trainiert die Lust am Lernen ab. Wenn dagegen die Neugier von der Kindheit durch die Pubertät bis ins Erwachsenenalter gepflegt und stetig gefördert wird, ist die Ressource unendlich vorhanden, eine sich selbst erneuernde Energie.

Die Schwierigkeit liegt in der Unvorstellbarkeit und der Unmöglichkeit der Beweisführung, da wir alle das fixe System selbst durchlaufen haben. Es werden Bedenken geäußert, dass wir aufhören zu lernen, weil es keinen äußeren Zwang mehr gibt. Ironischerweise wird dabei nicht gesehen, dass manche Menschen genau deshalb, nämlich wegen des Zwangs, aufhören zu lernen.

Es braucht also Mut. Mut, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und das System auf den Kopf zu stellen. Es braucht Respekt für und Vertrauen in die Lernenden. Sie tragen die erneuerbare Energie in sich. Respekt und Vertrauen braucht es auch in Bezug auf die Lehrenden, die zu Lernbegleiter*innen und Lernermöglicher*innen werden. Sie müssen ebenfalls täglich neue Probleme lösen, sich auf Menschen einlassen und Neues hinzulernen.

Es könnte eine Schule entstehen, bei der alle Beteiligten wieder Spaß am Lernen haben, eine Schule, die in der Lage ist, sich flexibel neuen Bedürfnissen und Entwicklungen anzupassen. Es wäre eine Schule, die die körperliche und psychische Gesundheit aller Beteiligten stärkt. Ideen, Modellprojekte, Methoden und wissenschaftliche Forschung, die diese Art zu Lernen fördern, sind schon heute vorhanden. Das Hindernis liegt darin, sich das nicht Vorstellbare vorzustellen und gemeinsam zu gestalten.

Das PerLenWerk der Richtsberg Gesamtschule

Die Richtsberg-Gesamtschule in Marburg nutzte den Umstand, dass die Schule sanierungsbedürftig war. Je drei Klassenräume wurden zu Lernlandschaften umgestaltet mit unterschiedlichen Bereichen: das Lernatelier zur stillen Einzelarbeit, die Lernlandschaft für kleine Lerngruppen mit Fachecken für Coaching-Gespräche. Hier darf leise gesprochen werden.

Statt Unterrichtsstunden gibt es Anleitungen zu bestimmten Themen, bei denen Fragen geklärt werden oder ein Einstieg in einen Lernanlass erklärt wird.

Der fixe Stundenplan wurde abgeschafft. Stattdessen gibt es wöchentliche Coachinggespräche, bei denen individuelle Lernpläne erstellt, aber auch persönliche Probleme besprochen werden können.

An einem Tag in der Woche ist Projekttag für handlungs- und bewegungsorientierte Tätigkeiten, wie Sport, Musik, Kunst, Theater, soziales Lernen oder nachhaltige Entwicklung. Es gibt Werkstätten für forschendes Lernen und einen Maker Space für kleine Projekte.

Außerdem gibt es Ausweise für Stufen der Selbstverantwortung, die den Lernenden nach und nach mehr Freiheiten gewähren, vom freien Wechsel zwischen den Lernumgebungen bis zum selbst gewählten Distanzunterricht.

Dieser Ort ist keine Utopie, es gibt ihn schon. Wir müssen diese Geschichte weitererzählen, damit sie auch an anderen Orten Wirklichkeit wird.

Paula-Fürst-Schule in Freiburg

Nachtrag 8.8.2025: Auch die Paula-Fürst-Schule in Freiburg hat sich auf den Weg gemacht. 2023 führt sie ab der 5. Klasse ein neues Lernkonzept ein. uniCROSS war mit der Kamera vor Ort und hat zwei Lehrerinnen im Podcast interviewt: Selbstbestimmt lernen – ein Schultag mit Lia und Noah

Quelle

Der Text ist ein Auszug der Hausarbeit „Die Schule der Zukunft“, die ich in der Lehrveranstaltung „Erfahrung eigener Grenzen“ bei Prof. Dr. Gunther Herr im Masterstudiengang Zukunftsdesign geschrieben habe.

Teil der Lehrveranstaltung war ein  pferdegestütztes Training für Führung, Team und Persönlichkeit in der Nähe von Bamberg (Teaserfoto).