Die Auswertung zeigt ein differenziertes, insgesamt positives Bild: Trotz methodischer Einschränkungen bestätigen die Ergebnisse, dass der Navigator für Perspektivenvielfalt als wirksames Anti-Bias- und Reflexionsinstrument funktioniert.
Besonders weniger erfahrene Journalist*innen profitierten deutlich vom Perspektivwechsel. Die hohe Übernahme von KI-Vorschlägen belegt den praktischen Mehrwert. Gleichzeitig machen unterschiedliche Nutzungsabsichten und Reaktionen auf einzelne Personas deutlich, dass Akzeptanz, Erfahrung und Haltung zu KI entscheidend sind. Insgesamt deutet alles darauf hin, dass KI journalistische Perspektiven sinnvoll erweitern kann, wenn Vertrauen, Transparenz und einfache Nutzung gegeben sind.
Signifikant hohe Ergebnisse
Obwohl die Signifikanz für die subjektive Performanz sehr hoch ist, könnten die Ergebnisse durch den moderaten Wert von 0,61 für Cronbachs alpha zum Zeitpunkt T1 beeinträchtigt sein. Cronbachs alpha für die Zusammenarbeit mit dem Navigator für Perspektivenvielfalt zum Zeitpunkt T2 liegt mit 0,71 im akzeptablen Bereich.
Das Signifikanzniveau für die Nutzungsabsicht liegt bei 0,026 und kann mit einem exzellenten Wert von 0,9 für Cronbachs alpha als zuverlässig betrachtet werden. Es wird daher angenommen, dass mit dem Navigator für Perspektivenvielfalt die Perspektiven von anderen Menschen nachgeahmt werden können. Ähnlich wie bei einem Anti-Bias-Training werden die Nutzenden erinnert, dass es weitere Blickwinkel auf eine Fragestellung geben kann, als diejenigen, die sie im Kopf haben.
Vor der Nutzung des Navigators sollten noch weitere Tests unternommen werden, z. B. für unterschiedliche Themen und Fragestellungen. Auch die Personas sollten einer ausgiebigen Prüfung in der Praxis unterzogen werden.
In Gesprächen mit den Testpersonen hat sich gezeigt, dass das Profil von Dennis am häufigsten irritiert. Dies könnte daran liegen, dass es für diese Persona keine Daten von echten Menschen gab. Diese Informationen könnten nachträglich eingeholt werden. Es könnte aber auch sein, dass eine einzelne Persona, die Irritationen auslöst, die Offenheit für Perspektivenreichtum steigert.
Streuung Subjektive Performanz - Intention to use
Die Kombination der Ergebnisse für die Nutzungsabsicht und die Differenz der subjektiven Performanz zwischen den Messzeitpunkten T2 und T1 ergibt vier unterschiedliche Gruppen (Abbildung 19):
31 Personen, türkis markiert, bewerteten die Antworten von ChatGPT besser als die eigenen und gaben an, den Navigator für Perspektivenvielfalt künftig nutzen zu wollen.
Die gelb markierten Werte repräsentieren drei Personen, die ihre eigenen Antworten perspektivenreicher bewerteten als die von ChatGPT, aber dennoch ein Interesse zeigten, den Navigator in Zukunft zu nutzen.
Die drei orange markierten Ergebnisse bilden Befragte ab, die die Antworten von ChatGPT schlechter oder gleich bewerteten als ihre eigenen und gleichzeitig ein geringes Interesse zeigten, den Navigator in Zukunft zu verwenden.
Die fünf grau markierten Testpersonen bewerteten ChatGPT positiv, zeigten aber eine unterdurchschnittliche Motivation den Navigator in der Zukunft einzusetzen.
Für die bessere Bewertung der eigenen Antworten gibt es mehrere mögliche Gründe. In persönlichen Gesprächen nach dem Testdurchlauf äußerten manche Testpersonen, dass sie sich mit dem Thema Mikroplastik bereits sehr gut auskennen oder dass sie geübt seien, perspektivenreich zu denken, weil sie sich mit Diskriminierung und Perspektivenreichtum bereits auseinandersetzen.
Die Nutzungsabsicht kann beeinflusst werden durch bisherige Erfahrungen mit KI oder durch die grundsätzliche Haltung zu künstlicher Intelligenz. Mehrere Personen hatten ChatGPT bisher nicht oder nur kaum genutzt. Einige wenige Personen äußerten eine starke Abneigung gegen die Nutzung von KI-Anwendungen im Allgemeinen.
Einflussfaktor journalistische Erfahrung
Tendenziell könnten Unterschiede in der Erfahrungsstufe ebenfalls einen Einfluss haben (Abbildung 20). Die Ergebnisse zeigen, dass die zehn Testpersonen, die an ihrem ersten Beitrag arbeiteten mit durchschnittlich 6,2 Punkten am meisten von dem Navigator für Perspektivenvielfalt profitierten. Während die 15 studentischen Tutor*innen nur einen Zugewinn von im Mittel 2,47 Punkten zeigten. Für belastbare Ergebnisse wäre ein Versuch mit zwei ausreichend großen Testgruppen nötig.
Perspektivwechsel: Recherche- und Leitfrage ändern
Ein weiteres Indiz für die Wirkung des Perspektivwechsels zeigen die Ergebnisse der offenen Fragen:
39 von 42 Befragten übernahmen eine oder mehrere Recherchefragen von ChatGPT. Von den verbleibenden drei Personen blieben zwei bei der vorgegebenen Leitfrage, nahmen also keinerlei Vorschläge an und machten auch keinen eigenen Vorschlag.
28 Befragte formulierten zum Zeitpunkt T1 eine eigene Leitfrage, acht von ihnen blieben dabei, 20 übernahmen zum Zeitpunkt T2 eine Leitfrage von ChatGPT.
Weitere 10 Testpersonen, die zum Zeitpunkt T1 bei der vorgegebenen Leitfrage blieben, änderten sie nach dem Dialog mit ChatGPT: zwei formulierten neue eigene Leitfragen, acht wählten einen Vorschlag des Navigators. Interessant wäre es ebenfalls zu testen, wie häufig Menschen den Vorschlag derjenigen Persona wählen, mit der sie sich am ehesten identifizieren.
Negative Verzerrungen
In Bezug auf mögliche negative Verzerrungen konnten in den Chatverläufen der Testpersonen keine Leistungseinbußen aufgrund unbewusster Vorurteile beobachtet werden. Im Gegenteil, die Personas antworteten durchweg aufgeschlossen und empathisch, selbst wenn sie einräumten, am Thema weniger interessiert zu sein.
Vielversprechende Ergebnisse
Insgesamt sind die Ergebnisse dieses ersten Tests vielversprechend. Der Navigator für Perspektivenvielfalt zeigt, dass die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz perspektivenreichere Ergebnisse liefern kann als die alleinige Kreativität und Erfahrung von Einzelnen. Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, dass der Chatbot stets aus allen sechs Perspektiven antwortet.
Wie kann nun erreicht werden, dass das Tool in der Redaktion genutzt wird? Die Anwendung muss einfach und schnell zu bedienen sein und es muss Vertrauen für die Arbeit mit KI erzeugt werden. Autor*innen sollen das Potential und den Nutzen erkennen, ihre Medienproduktionen perspektivenreicher zu gestalten.
Innerhalb von journalistischen Redaktionen kann der Navigator helfen, den Blick zu weiten, über unterschiedliche Perspektiven zu diskutieren und so die eigene Arbeit zu reflektieren.
Nach außen ist es das Ziel, journalistische Beiträge zu erstellen, die unterschiedliche Teile der Zielgruppe sichtbar machen und deren Bedürfnisse und Motivation berücksichtigen, damit Rezipient*innen sich ihre eigene Meinung bilden und im Alltag mit anderen in Dialog kommen können.
