Perspektivenvielfalt ist ein Schlüssel für eine resiliente Demokratie. Die Arbeit zeigt, wie konstruktiver Journalismus und der gezielte Einsatz von KI helfen können, blinde Flecken in der Berichterstattung sichtbar zu machen und komplexe Debatten differenzierter zu führen.
Der entwickelte Navigator für Perspektivenvielfalt unterstützt Journalist*innen dabei, neue Blickwinkel einzubeziehen – jenseits von Aufmerksamkeitslogik und Polarisierung. Entscheidend für die Zukunft sind dabei nicht nur KI-Kompetenzen, sondern zutiefst menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Reflexion, Dialogbereitschaft und Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit.
Perspektivenreicher und konstruktiver Journalismus
Zu Beginn dieser Arbeit haben wir uns die Frage gestellt, wie Medien ihre Berichterstattung verändern müssen, um ihre im Pressekodex verankerte Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit wahrzunehmen.
In der superdiversen Netzwerkgesellschaft kann ein perspektivenreicher und konstruktiver Journalismus dabei unterstützen, einen konstruktiven Diskurs zu führen, um Lösungen für komplexe Fragestellungen auszuhandeln und so die Demokratie zu stärken. Medienredaktionen und Parlamente sind allerdings meist nicht ausreichend divers besetzt.
Künstliche Intelligenz könnte im Dialog mit Journalist*innen helfen, perspektivenreichere Fragestellungen für journalistische Beiträge zu formulieren.
Damit KI-Systeme perspektivenreich antworten können, muss Vielfalt zunächst von Menschen beschrieben werden. Hierfür wurden vier fiktive Personas konzipiert, die auf den Daten von studentischen Redaktionsmitgliedern bei uniCROSS beruhen. Zusätzlich wurden zwei negative Personas beschrieben, die nicht bei uniCROSS mitarbeiten.
Mit ChatGPT wurde der Navigator für Perspektivenvielfalt erstellt, ein Chatbot, der aus der Perspektive der sechs Personas Fragen zu Themen im Redaktionsalltag beantwortet.
Navigator für Perspektivenvielfalt
Die Ergebnisse dieser Arbeit zeigen, dass die Testpersonen auf Perspektiven aufmerksam wurden, die sie übersehen hatten, und dass sie bereit waren, diese in ihrer weiteren Recherche zu berücksichtigen. Sie bekundeten ebenfalls die Absicht den Navigator für Perspektivenreichtum künftig zu nutzen.
Im kommenden Semester soll die Arbeit mit den Personas und dem Navigator für Perspektivenvielfalt bei uniCROSS eingeführt und ausgiebig getestet werden. Darüber hinaus könnten weitere vielfältige Anwendungsszenarien für Chatbots im journalistischen Kontext entwickelt werden, wie etwa Tutorsysteme für die journalistische Ausbildung.
Die entwickelten Personas könnten in Teilen für andere universitäre Einrichtungen oder Hochschulen angepasst und erweitert werden. Für die Frage der Superdiversität in Bezug auf ethnische Herkunft müssten neue Kategorien gebildet werden, die möglichst unabhängig von einzelnen Nationalitäten funktionieren.
Sowohl bei der Weiterentwicklung als auch bei der Einführung müssen ethische und datenschutzrechtliche Fragen berücksichtigt und entsprechende Regeln formuliert werden.
Unberücksichtigt blieb in dieser Arbeit die Frage, wie nützlich oder halluzinierend die Antworten von ChatGPT ausfallen würden, wenn die Hyperparameter so verändert würden, dass die KI weniger wahrscheinliche Pfade durch das neuronale Netz nimmt, um weniger vorsehbare Antworten zu erhalten.
Studierende, eine übersehene Zielgruppe
Die in der vorliegenden Arbeit beschriebenen Personas bilden eine Zielgruppe ab, die häufig übersehen oder mit einem anderen Schwerpunkt betrachtet wird. In Studien und Statistiken werden junge Zielgruppen häufig betrachtet als Kinder und Jugendliche, in Bezug auf Mediennutzung oder als künftige Arbeitskräfte.
Die Zielgruppe Studierende, also Menschen mit höherer Bildung zwischen 20 und 35 Jahren, werden nach der Recherche zu dieser Arbeit nie nach ihren Wertvorstellungen und Zukunftsperspektiven zu gesellschaftlich relevanten Themen gefragt. Vielleicht weil diese Perspektive auf den ersten Blick nicht kommerziell interessant erscheint.
Gleichzeitig wird erwartet, dass sie nach Abschluss des Studiums als Leistungsträger der Wirtschaft zur Verfügung stehen, Familien gründen, sich um ihre immer älter werdenden Eltern kümmern und die zahlreichen Krisen der komplexen Welt lösen.
Konstruktiv gegen die Algorithmen
Problematisch bleibt die Tatsache, dass konstruktiver Journalismus, der nicht mit negativen Emotionen, Zuspitzungen, irreführenden oder falschen Informationen arbeitet, nicht die Vorlieben der Algorithmen bedienen kann. Die von Steffen Mau beschriebenen Polarisierungsunternehmer bespielen diese Algorithmen perfekt, unabhängig davon, ob sie politische, finanzielle oder andere Motive verfolgen.
Journalistische Verantwortung bedeutet jedoch, nicht den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie zu entsprechen, sondern andere Wege zu suchen, um die Menschen zu erreichen.
Welche Zukunftskompetenzen benötigen Journalist*innen?
Mit Blick auf die dynamische Entwicklung von künstlicher Intelligenz müssen sich journalistische Redaktionen mit der Frage befassen, wie sie KI-Kompetenzen bei Mitarbeitenden stärken.
Das Forschungsprojekt NextEducation hat basierend auf einer empirischen Studie das Kompetenzmodell AIComp mit zwölf Kompetenzfeldern zu KI-bezogenen Future Skills entwickelt [150]. Es kann als Orientierung dienen, welche Kompetenzen, welches Wissen und welche Fähigkeiten in der eigenen Redaktion relevant sind. Wobei Medien neben der Fortbildung von Mitarbeitenden auch die Aufgabe der Vermittlung von Inhalten an ihr Publikum zukommt, sie also immer nach innen und nach außen informieren.
Auf einer allgemeineren Ebene sollte die Frage verfolgt werden, welche typisch menschlichen Qualitäten künftig von Bedeutung sein werden, wenn künstliche Intelligenz uns immer mehr Aufgaben abnehmen wird. Was sind die Deep Human Skills, mit denen wir durch die komplexe Welt navigieren? Die Autorin und Professorin Yasmin Weiß schlägt vor, in der täglichen Interaktion mit Menschen diese Fähigkeiten zu trainieren: Liebe und Wertschätzung, Vertrauen, Empathie, Intuition, Kommunikation mit allen Sinnen, Resilienz, Selbstreflexion, ethisches Denken und Handeln [151].
Die Zukunftsforschenden des The Future:Project fordern schlicht die Kompetenz einer grundlegenden Freundlichkeit. Es brauche „eine gesellschaftliche Charakterbildung: weg von egozentrierten, impulsiven Entscheidungen, hin zum aktiven Zuhören, Nachfragen, dem wirklichen Interesse für andere“ [152] – Fähigkeiten also, die zu den ureigensten im Journalismus zählen.
Die Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz kann hilfreich sein, wenn Perspektiven nicht durch eigene Erfahrungen oder in persönlichen Gesprächen mit Mitmenschen eingeholt werden können.
Quellen
| [150] | NextEducation, AI Comp – Future Skills für eine durch KI geprägte Welt, 22. November 2023. |
| [151] | Y. Weiß, Deep Human Skills: Fähigkeiten, die wir nicht verlernen dürfen, 18 Mai 2024. |
| [152] | N. Pfuderer, Future Skills – Die Renaissance der Aufmerksamkeit, 5. Dezember 2023. |
