Personas für studentische Zielgruppen

Dieses Kapitel zeigt, wie Personas für studentische Zielgruppen auf Basis qualitativer Sozialforschung entwickelt wurden. Der Fragebogen zu Vielfalt bei uniCROSS lieferte Einblicke in Persönlichkeiten, Werte, Diskriminierungserfahrungen und Mediennutzung. Sechs Personas, darunter bewusst gesetzte Gegenentwürfe, bilden die Grundlage für perspektivenreiche KI-Experimente.

Auffällig sind das progressive Weltbild und die hohe soziale Motivation der Studierenden. Die Ergebnisse lassen sich mit Anpassungen auf andere Hochschulredaktionen übertragen und bieten Potenzial für weitere KI-Anwendungen im Hochschulkontext.

Qualitative Anforderungen

Qualitative Sozialforschung nach Mayring [138] stellt den Menschen in den Mittelpunkt jeder Forschung und verlangt eine möglichst genaue Deskription der Subjekte. Von der Forschungsfrage dieser Arbeit betroffen sind sowohl die studentischen Mitarbeitenden in der Redaktion als auch die Zielgruppe, die die journalistischen Inhalte rezipiert. Die Autor*innen sind somit Teil der Zielgruppe.

Mit dem Fragenbogen zur Vielfalt bei uniCROSS konnte ein detailliertes Bild der Persönlichkeiten, ihrer Werte, Diskriminierungserfahren, Lebenssituationen und Mediennutzung gezeichnet werden. Ihre Motivationen, Ziele, Bedürfnisse und Herausforderungen wurden in offenen Fragen ermittelt und durch ausgewählte Zitate den Personas zugewiesen.

Es wurden zwei negative Personas beschrieben, um den Teil der Zielgruppe zu beschreiben, der nicht in der Redaktion aktiv ist. Die insgesamt sechs Personas stellen eine gute Basis dar, um den Versuch mit dem Navigator für Perspektivenvielfalt durchzuführen und perspektivenreiche Antworten zu generieren.

Für das Merkmal ethnische Herkunft wird empfohlen, weitere Kategorien zu bilden und Textbausteine zu formulieren, die den Personas optional zugeordnet werden können, um die Superdiversität besser abzubilden.

Für die grafische Abbildung der Personas wird empfohlen, das Promptdesign zu optimieren, um natürlichere und weniger perfekte Portraits zu erhalten. Hierfür kann das Real Beauty Prompt Playbook hilfreich sein, das ein Glossar mit vielfältigen Beschreibungen des menschlichen Körpers enthält [140].

Sind die Ergebnisse allgemeingültig?

Qualitative Sozialforschung muss außerdem eine mögliche Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse im Einzelfall schrittweise begründen.

In Bezug auf die soziale Klasse decken die beschriebenen Personas eine studentische Zielgruppe im Allgemeinen weitestgehend ab. Mit Pia, Anton, Malika und Alex wurden vier Personas beschrieben, die nach dem Klassenschema von Oesch [139] den sozio-kulturellen Experten oder dem Management zugeordnet werden können. Für die technischen Experten sowie Arbeitgeber und freien Berufe könnten neben Anna und Dennis zwei weitere Personas beschrieben werden, um ein Gleichgewicht der Sozialfiguren herzustellen.

Um weitere negative Personas ermitteln zu können, wäre eine umfangreiche Umfrage unter Studierenden aller Fakultäten notwendig. Dies könnte eventuell in Zusammenarbeit mit Institutionen der Uni Freiburg überlegt werden. Denkbar wäre die Entwicklung weiterer KI-Anwendungen, die andere Problemstellungen bearbeiten, zum Beispiel wie Studierende besser für Veranstaltungen der Uni Freiburg angesprochen werden können.

progressiv, extravertiert mit hohem Engagement

Die Ergebnisse aus dem Fragebogen hinsichtlich Persönlichkeit und progressivem Weltbild waren auffallend:

Alle Befragten waren eher prinzipien-fokussierte als logik-fokussierte Persönlichkeiten. 76 Prozent waren eher extravertierte Persönlichkeiten. Im deutschen Mittel ist eine knappe Mehrheit der Deutschen eher introvertiert. 55 Prozent der befragten Studierenden eint die Persönlichkeitsstrategie soziales Engagement, im deutschen Mittel trifft dies auf 20 Prozent der Menschen zu [141].

Eine mögliche Erklärung ist, dass Menschen, die in den Medien arbeiten, ein hohes Sendungsbewusstsein haben. Es ist ihnen wichtig, Themen zu setzen und zu vermitteln. Extravertierte Personen haben weniger Scheu, auf fremde Menschen zuzugehen oder sich als Reporter*in vor Kamera und Mikrofon zu exponieren.

Sehr auffällig war außerdem das progressive Weltbild: 78 Prozent der Befragten hatten entweder eine progressive Wir-Perspektive, progressive Ich-Ideen oder befanden sich zwischen den beiden Positionen. Keine Person hatte konservative Ich-Ideen.

Hierfür gibt es mehrere mögliche Erklärungen: Erstens zeigt die Studie Triggerpunkte [55], dass die deutsche Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten insgesamt progressiver eingestellt ist, als es noch vor 30 oder 50 Jahren der Fall war.

Zweitens bewegt sich die Zielgruppe von uniCROSS in einem jungen akademischen Umfeld, das eher zu progressiven Einstellungen tendiert, wie die Vielfaltsbarometer [142] der Robert-Bosch-Stiftung belegt: So zeigten sich junge Menschen häufiger offen gegenüber Vielfalt als ältere Menschen. Unter denjenigen, die Vielfalt eher skeptisch gegenüberstehen, seien 25 Prozent mit Hochschulbildung, während dies auf 45 Prozent der Kosmopoliten zutreffe.

Drittens kommt hinzu, dass Freiburg eine sehr progressive Stadt ist. Bei der Europawahl am 9. Juni 2024 wählten die Freiburger*innen entgegen dem deutschen Gesamtergebnis mit über 30 Prozent die Grünen und mit knapp 6 Prozent die AfD [143].

Übertragbarkeit auf andere Hochschulen

Es kann daher angenommen werden, dass die Ergebnisse übertragbar sind, beispielsweise auf andere Hochschulredaktionen. Hierbei müsste überprüft werden, ob für das direkte Umfeld, den Persönlichkeitstyp und die Studienrichtung dieselben Bedingungen gelten, wie für uniCROSS.

Bei nicht-geisteswissenschaftlichen Studiengängen könnte sich eine Verschiebung der Gewichtung der Personas ergeben, also wieviel Prozent der Zielgruppe sie vertreten. Es könnte möglicherweise auch notwendig werden, einzelne neue Personas zu beschreiben.

In Bezug auf Werte, Zukunftsperspektive, Tonalität, Diskriminierungsdimensionen und alle weiteren sekundären Merkmale behalten die Kombinationen weiterhin Gültigkeit, da sie die Variationsmöglichkeiten insgesamt weitgehend vollständig abdecken.

Es kann angenommen werden, dass diese Merkmale auf Studierende im Allgemeinen übertragen und für hochschulweite Anwendungsfälle eingesetzt werden können.

Quellen

[55]S. Mau, T. Lux und L. Westheuser, Triggerpunkte – Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Berlin: Suhrkamp, 2023.
[138]P. Mayring, Einführung in die qualitative Sozialforschung, Weinheim und Basel: Beltz, 2002, 5. überarbeitete und neu ausgestattete Auflage.
[139]D. Oesch, Redrawing the Class Map. Stratification and Institutions in Britain, Germany, Sweden and Switzerland, Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2006.
[140]Dove, Real Beauty Prompt Playbook (pdf)
[141]16 Personalities, Germany Personality Profile
[142]R. Arant, G. Dragolov, B. Gernig und K. Boehnke, „Zusammenhalt in Vielfalt – Vielfaltsbarometer,“ Robert-Bosch-Stiftung (Hrsg.), Stuttgart, 2019.
[143]Stadt Freiburg, Europawahl 2024